Bullenhai – ein Wolf im Schafspelz

Der Bullenhai (Carcharhinus leucas) wird auch als Sambesihai, Stierhai oder Gemeiner Grundhai bezeichnet. Er gehört zur Familie der Requiemhaie (Carcharhinidae). Seinen Namen verdankt der Bullenhai seiner kurzen und kräftigen Körperform. Der Bullenhai hat einen für Haie ungewöhnlichen Lebensraum. Er kommt in Süß- und Salzwasser vor.[/featured_snippet]
Bullenhaie gehören durch ihre Größe und ihre Aggressivität zu den beeindruckenden Haiarten, die dem Menschen Respekt abfordern. Seit über 400 Millionen Jahren bewohnen Bullenhaie und deren Vorgänger die Meere.

Bullenhai von vorne gesehen
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Auf ihrem langen Weg auf der Leiter der Evolution haben sie sich zu hocheffizienten Raubtieren mit gefährlichen Waffen entwickelt. Auch Bullenhaie verfügen über Sinnesleistungen, über die wir nur staunen können. Und so verwundert es wohl nicht, dass mancher Experte der Meinung ist, dass Haie an das Leben in ihrer Welt besser angepasst sind als der Mensch in seiner. Wie der Weiße Hai und der Tigerhai gehört auch der Bullenhai zu den am meisten verkannten, verleumdeten und gefürchteten Lebewesen.

Bullenhai – leicht zu erkennen und unverwechselbar

Seinen Namen verdankt der Bullenhai seiner Körperform. Kurz und kräftig ist der Gedanke an einen Bullen gar nicht so abwegig. Sein wissenschaftlicher Name heißt Carcharhinus leucas. Neben dem Namen „Bullenhai“ wird er auch als Sambesihai, Stierhai oder Gemeiner Grundhai bezeichnet. Bullenhaie gehören zur Familie der Requiemhaie (Carcharhinidae).

  • Bullenhaie verfügen über eine Länge von circa 240 bis 330 cm. Die Haiart wächst sehr langsam. Gerade 20 bis 28 Zentimeter wachsen die Tiere im Jahr. Über die Jahre wird das Wachstum immer geringer. Deshalb sind die Riesen frühstens mit 10 Jahren ausgewachsen.
  • Sein Körpergewicht kann von 130 bis zu 230 Kilogramm betragen.
  • Im Gegensatz zu anderen Haiarten bleibt das Männchen der Bullenhaie kleiner und leichter als das Weibchen.
  • Sein Körper ist sehr kompakt. Der Kopf endet in einer stumpfen und kurzen Schnauze, die eher breit ist. Dadurch entsteht der Eindruck an einen Bullen.
  • Bullenhaie weisen dreieckige Zähne auf, die den Zähnen des Weißhais gar nicht so unähnlich sind. Wie viele Haie verfügt auch diese Haiart über ein Revolvergebiss, bei dem es mehrere hintereinanderliegende Zahnreihen gibt. Im hinteren Bereich befinden sich Zahnbildungsgruben, in denen permanent neue Zähne wachsen.

Durch die rechtwinklige Rückenflosse ist der Raubfisch leicht von anderen Haiarten zu unterschieden. Die hintere Rückenflosse liegt unmittelbar vor dem Schwanz und ist deutlich kleiner.
Die Oberseite seines Körpers ist in einem dunklen Grau gehalten, die Unterseite ist heller und kann fast weiß sein. Bereits bei den Jungtieren können die Flossenspitzen dunkel gesäumt sein.

Bullenhai – der wandelbare Raubfisch

Bullenhaie haben eine ganz besondere Fähigkeit. Sie können sich dem jeweiligen Salzgehalt des Wassers anpassen und sogar Süßwasser vertragen.

Bullenhai von der Seite gesehen
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Diese Fähigkeit ermöglicht es dem Raubfisch, über Flussmündungen in die Flüsse zu schwimmen und weiter in Seen, die mit den Flüssen in Verbindung stehen, aufzusteigen. Weibchen können ihre Jungtiere im Süßwasser zur Welt bringen. Häufig ist der Bullenhai im trüben Wasser von Flussmündungen und Buchten anzutreffen. Er kann aber auch über Hunderte von Kilometern die Flüsse aufwärts schwimmen. Es sollen schon Exemplare bis über 4.000 Kilometer flussaufwärts angetroffen wurden sein. Bullenhaie scheinen sich in verschiedenen Flüssen aufzuhalten, denn es gibt Meldungen aus dem Amazonas, dem Sambesi oder dem Ganges. Die Population im Nicaraguasee wird sogar als eigene Art – Carcharhinus nicaraguensis – bezeichnet. Sie wurde aber wissenschaftlich nie anerkannt. Diese Population wird als besonders aggressiv bezeichnet, da über einige Jahre die Haiangriffe immer mehr anstiegen.

Und noch etwas macht den Bullenhai so gefährlich. Der Raubfisch lauert im flachen Wasser nah am Strand. Oft sucht sich der Raubfisch trübes Gewässer in den Küstenbereichen, in dem er nicht zu sehen ist.

Einzelgänger mit Familiensinn

Bullenhaie sind eher Einzelgänger, die sowohl in der Nacht als auch am Tage aktiv sind und auf Jagd gehen. Im Gegensatz zu anderen Haiarten wandern sie nur wenig umher und sind eher standorttreu. Beim Schwimmen erreichen sie Geschwindigkeiten von 20 km/h.

Bullenhai und Taucher
© Ian Scott – Fotolia.com

Sie können aber auch im Schwarm angetroffen werden. Besonders zur Geburt bilden die Weibchen Herden, wie es oft in den tiefen Riffregionen vor Florida beobachtet wurde. Ein Phänomen, für das es bis heute keine Erklärung gibt.

Geschlechtsreif sind die männlichen Haie im Alter von 18 Jahren und einer Länge von 1,6 Metern. Weibliche Bullenhaie sind ab einem Alter von 14 bis 15 Jahren und einer Länge von 1,8 Metern geschlechtsreif. Die Weibchen haben eine Tragezeit von etwa zehn bis elf Monaten. Dann gebären sie bis zu 13 Jungtiere, die mit einer Körperlänge von 55 bis 80 Zentimetern in ufernahen Regionen zur Welt kommen. Das Wachstum der Tiere ist sehr langsam. Viele Weibchen ziehen zum Gebären in Flüsse und Seen. Und auch dabei gibt es eine Besonderheit. Forscher haben Gewebeproben aus 13 Flüssen entnommen und diese analysiert. Dabei zeigte sich, dass die mitochondriale DNA der Tiere aus einem Fluss große Ähnlichkeit aufweist und die Tiere der mütterlichen Linien miteinander verwandt sind. Mitochondriale DNA wird nur über die Weibchen vererbt. Das würde bedeuten, dass die Mütter der Bullenhaie über Generationen immer wieder den gleichen Fluss zum Gebären aufsuchen. Ein gleiches Gebärverhalten ist von den Lachsen bekannt.

Wo Bullenhaie zuhause sind

Bullenhaie sind vor allem in tropischen und subtropischen Meeren beheimatet. Lediglich im Roten Meer und im Mittelmeer sind sie nicht zu finden.

  • Atlantik: Von Massachusetts bis Brasilien, vom Golf von Mexiko bis zu den Bahamas, von Marokko bis Angola ist der Bullenhai zu finden. An den Küsten Südafrikas fühlt er sich bis hinauf nach Kenia heimisch.
  • Pazifik: Auch hier hat der Raubfisch eine Heimat gefunden. Von Thailand über Vietnam, Neu Guinea und Australien bis nach Neukaledonien ist er zu finden. Aber auch im östlichen Pazifik fehlt der graue Räuber nicht. Vor allem von California bis Equador liegt sein Jagdrevier.
  • Flüsse: Bullenhaie leben auch permanent in Flüssen. Sowohl der Mississippi als auch der Sambesi oder der Amazonas wird von den Haien eingenommen. Sie lassen sich im Nicaraguasee und Ysabelsee nieder. Es sind nicht nur einzelne Tiere, welche die Flüsse hinauf schwimmen, um in Seen zu jagen oder zu gebären. Es sind ganze Populationen, die hier zu finden sind.

Die Speisekarte der Bullenhaie – Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt

Bullenhaie haben ein sehr breites Spektrum an Beutetieren. Sie ernähren sich von Wirbellosen, Fischen, Krebsen, Rochen und Knochenfischen. Die Raubfische stellen aber auch anderen Haien nach. Selbst vor kleineren Exemplaren der eigenen Art wird nicht Halt gemacht. Sie fressen alles, was sie bewältigen können. Durch das breite Beutespektrum sind sie auch für Menschen gefährlich.

Der Bullenhai und der Mensch

Bullenhaie gehören neben dem Weißhai und dem Tigerhai zu den für den Menschen gefährlichsten Haiarten. Es wird sogar vermutet, dass einige Übergriffe auf Menschen, die dem Weißen Hai zugeschrieben werden, auf das Konto der Bullenhaie geht.

Begründet wird es mit den Bissspuren, die nach einem Haiangriff oft das einzige Indiz für den Angriff ist. Die Zähne von Bullenhai und Weißem Hai ähneln sich. Auch der Bullenhai verfügt über dreieckige, gesägte Zähne. Laut dem International Shark Attack Files des Florida Museum of Natural History soll es 75 unprovozierte Angriffe von Bullenhaien gegeben haben und 23 Todesfälle. Allerdings wird angenommen, dass die Dunkelziffer hoch ist, da ein relativ großer Teil der Angriffe in den Flüssen erfolgt. In der Dritten Welt werden Übergriffe aufgrund von mangelnder Kommunikation aber sehr selten gemeldet.

Bullenhaie sind auch für Profis niemals völlig berechenbar. So wurde Erich Ritter, der weltweit als einer der größten Haiexperten gilt,  2002 bei Filmarbeiten zur amerikanischen Serie „Shark week“auf den Bahamas von einem Bullenhai in die Wade gebissen. Erich Ritter wurde sofort ins St. Mary’s Medical Center in Palm Beach geflogen, wo in einer mehrstündigen Operation sein Bein gerettet werden konnte.

Trotz der Gefährlichkeit der Art muss aber klargestellt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Hai gebissen zu werden, sehr gering ist. Die Wahrscheinlichkeit ist noch geringer als ein 6-er im Lotto. Und der ist schon schwierig zu bekommen. Die steigende Häufigkeit seit Anfang dieses Jahrhunderts liegt vor allem an den steigenden Wasseraktivitäten des Menschen.

Nicht selten schwimmen die Raubfische bei Begegnungen direkt auf Schnorchler, Schwimmer oder Taucher zu. Eine für Riffhaie untypische Art und Weise, die jedoch einschüchtert. Dazu kommt die geringe Fluchtdistanz. Oft entsteht bei Bullenhaien auch das Gefühl, angestarrt zu werden, was durch die kleinen Augen des Bullenhais besonders unangenehm ist.

Bedrohung durch den Menschen

Noch stehen sie auf der Roten Liste der IUCN nicht an oberster Stelle. Trotzdem sind auch die Bullenhaie bedroht. Derzeit sind sie als potenziell bedrohte Art gering eingestuft. Trotzdem hat die kommerzielle Bejagung schon ihre Spuren hinterlassen. In vielen Regionen, in denen der Bullenhai die Gewässer bevölkert, sind das Fleisch, das voranging als Tierfutter verwendet wird, und die Flossen begehrt. Da sie nah an der Küste schwimmen und auch in Flüssen und Seen zu finden sind, sind die Raubfische auch für Wilderer und Fischer eine leichte Beute. Oft sind es Sportfischer, welche Jagd auf die Haie machen. In der kommerziellen Fischerei ist der Hai eher zweitrangig, da sein Fleisch nicht so wohlschmeckend ist. Oft verfangen sich die Haie in Fischernetze als Beifang. Bisher stehen die Bullenhaie nirgendwo unter Artenschutz und dürfen deshalb gejagt werden. Durch das langsame Wachstum und die lange Tragezeit erreichen nur wenige Exemplare ihre endgültige Größe.

Bullenhaie – Natürliche Feinde sind selten

Aufgrund seiner Größe hat der Bullenhai eher keine natürlichen Feinde. Der Raubfisch steht mit dem Weißhai und dem Tigerhai am oberen Ende der Nahrungskette. Junge Tiere allerdings können Tigerhaien oder Weißen Haien zum Opfer fallen. Durch das weite Verbreitungsgebiet stehen Jungtiere auf der Speisekarte der Leistenkrokodile und der Mississippi-Alligatoren. Auch andere Räuber von ähnlicher Größe sind an den Jungtieren interessiert. Bullenhaie werden aber nicht nur von großen Prädatoren gefressen. Auch Parasiten und Ruderfußkrebse machen sich auf der Hautoberfläche zu schaffen.